Der State of the ART(ist) Award 2026 wurde vergeben: Der mit 6.000 Euro dotierte Hauptpreis geht an den kolumbianischen Künstler Paolo Almario für seine Installation Marmelade. Mit dem Award of Distinction und 4.000 Euro wird die iranische Künstlerin Sara Azadkhani für ihr fotografisches Projekt Canvas ausgezeichnet.
Bereits zum fünften Mal setzen Ars Electronica und das österreichische Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten mit der Initiative State of the ART(ist) ein Zeichen der Solidarität mit Kunstschaffenden, deren Lebens- und Arbeitsbedingungen durch Krieg, politische Repression, Einschränkungen der Meinungsfreiheit, Umweltkrisen oder andere Formen struktureller Gewalt bedroht sind. Ausgezeichnet werden Projekte an der Schnittstelle von Kunst, Aktivismus und Menschenrechten, die gesellschaftliche Realitäten sichtbar machen und neue Räume für Dialog eröffnen.
Die diesjährige Ausschreibung verzeichnete die bisher größte Resonanz seit Bestehen der Initiative: Insgesamt wurden 561 Projekte aus 86 Ländern eingereicht. Die hohe internationale Beteiligung verdeutlicht die Bedeutung von Kunst als Ausdrucksform, Reflexionsraum und Mittel gesellschaftlicher Auseinandersetzung in Zeiten politischer und sozialer Krisen – was sich auch im Festivalthema NEGOTIATING HUMANITY widerspiegelt. „Wir leben in einer Zeit, in der das Schaffen von Kunst für viele zu einem Akt des Mutes geworden ist – zu einem Akt der Verteidigung demokratischer Werte und künstlerischer Freiheit“, betont die Jury von State of the ART(ist) 2026, bestehend aus Irene Agrivina (ID), Christl Baur (DE), Simon Mraz (AT), Marita Muukkonen (FI) & Ivor Stodolsky (FR/US) und Tau Tavengwa (ZW/GB).

Hauptpreis für Paolo Almario (CO): Marmelade
Mit Marmelade entwickelt Paolo Almario eine ebenso persönliche wie politische Installation über Macht, Korruption und Erinnerung. Im Zentrum stehen Porträts von Personen aus dem kolumbianischen Justiz- und Staatsapparat. Sie bestehen aus rund 4.800 Marmeladenetiketten, die von Hand zugeschnitten, auf Plexiglas befestigt und in präzise gefertigte Aussparungen eingesetzt werden. So entstehen Fotomosaike, die aus der Distanz als Porträts erscheinen, sich aus der Nähe aber in Tausende einzelne Etiketten auflösen. In der Ausstellung nehmen sieben robotische Maschinen die Mosaikelemente nach und nach auseinander. Die Fragmente fallen auf einen gedeckten Tisch und auf den Boden, wo sie sich mit Brotkrümeln und Marmeladeresten des Publikums vermischen, die eingeladen sind, Brot mit kolumbianischer Marmelade zu verkosten.
Der Titel verweist auf den in Kolumbien gebräuchlichen Begriff mermelada, der als Metapher für die klientelistische Verteilung politischer Macht verwendet wird. Die fortschreitende Demontage der Porträts wird zu einem Sinnbild der Umverteilung: Was zuvor politische Macht symbolisierte, geht durch den Akt des Essens symbolisch in den Besitz der Öffentlichkeit über. Ausgangspunkt der Arbeit ist die jahrzehntelange politische Verfolgung der Familie des Künstlers. Die porträtierten Personen stehen mit dem gegen seinen Vater geführten Verfahren in Zusammenhang. Marmelade verbindet diesen persönlichen Hintergrund mit einer grundsätzlichen Auseinandersetzung über die Grenzen staatlicher Institutionen und entwickelt daraus eine partizipative Poetik der Umverteilung: eine künstlerische Form des Widerstands, die dort ansetzt, wo institutionelle Strukturen versagen.

Award of Distinction für Sara Azadkhani (IR): Canvas
Mit Canvas untersucht Sara Azadkhani, wie sich rechtliche und gesellschaftliche Machtstrukturen in das Leben und den Körper von Frauen einschreiben. Ausgangspunkt der fotografischen Arbeit ist der zweijährige Scheidungsprozess der Künstlerin im Iran. Dabei erlebte sie die Auswirkungen eines Rechtssystems, in dem Männer über eine Scheidung entscheiden und Frauen gezwungen sind, auf Geld, ihr Zuhause oder sogar ihre Kinder zu verzichten, um sich aus einer Ehe zu lösen.
Die psychische Belastung dieser Zeit hinterließ sichtbare Spuren auf Azadkhanis Körper: Verletzungen und Narben wurden zu einem stillen Archiv des Erlebten. In Canvas fotografiert die Künstlerin ihre Haut und verwandelt diese Spuren in Bilder, die persönliche Erfahrung mit gesellschaftlichen und politischen Bedingungen verbinden. Die Arbeit macht sichtbar, wie rechtliche Strukturen und patriarchale Normen bis in intime Lebensbereiche wirken können.
Präsentation am Ars Electronica Festival
Beim Ars Electronica Festival 2026 von 9. bis 13. September werden beide ausgezeichneten Projekte im Rahmen der Themenausstellung NEGOTIATING HUMANITY präsentiert. Marmelade und Canvas sind Teil des FESTIVAL WALK, der ausgehend vom OK Platz dazu einlädt, verschiedene Ausstellungsorte unter einer gemeinsamen Fragestellung zu erkunden. Der Künstler Paolo Almario und die Künstlerin Sara Azadkhani werden außerdem selbst beim Festival anwesend sein und ihre Arbeiten persönlich vorstellen.
Wo: Ars Electronica Festival 2026
4040 Linz, Österreich
Wann: 9. bis 13. September
Über State of the ART(ist)
State of the ART(ist) wurde 2022 gemeinsam von Ars Electronica und dem Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten ins Leben gerufen – damals als unmittelbare Reaktion auf den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Seither unterstützt die Initiative Kunstschaffende, deren Arbeit durch politische Repression, Krieg, soziale Ungleichheit, Umweltkatastrophen oder digitale Überwachung gefährdet ist. 2026 liegt ein besonderer Fokus auf den Schnittstellen von Kunst, Aktivismus und Widerstand sowie auf dem Beitrag von Kunst zu internationaler Verständigung und Kulturdiplomatie.
