Wie eine französische Theatergruppe eine Stadt in einen Ort der Poesie verwandelt. Ein Gastbeitrag von Thorsten Schulte.
Schon von weitem ist eine wartende Menschenmenge im Park vor dem Wiesbadener Staatstheater zu sehen. Plötzlich erhebt sich eine rot gekleidete, weibliche Pan direkt aus der Menge einige Meter in die Höhe. Sie sitzt auf einer Flugstange, mehrere garçons de piste bewegen sie. Wie ein Luftgeist schwebt sie, lächelt und lässt Goldstaub auf die Menschen unter ihr rieseln. So beginnt die Verzauberung durch eine französische Straßentheater-Gruppe, die Compagnie OFF, an einem warmen Mai-Abend in Wiesbaden. Pan dirigiert die Menge, die sich in Bewegung setzt. Alle folgen dem feenhaften Wesen und ihren um sie herumwirbelnden, springenden, pfeifenden Begleitern, die in roten Uniformen den Straßenverkehr stoppen und die Zuschauerinnen und Zuschauer zur Marktkirche begleiten. Dort erwartet sie eine Opern-Diva auf einem hohen Podest. Als diese zu ihrem Gesang ansetzt, verliert die Stadt ihre Konturen. Einerseits, weil sie tatsächlich in Nebel gehüllt wird. Vor allem aber, weil sie sich verwandelt – in etwas Durchlässiges, Schwebendes, das sich dem Zugriff des Alltäglichen entzieht. Ein Platz, eine Straße, die eben noch Weg war, wird zur Bühne; eine Bühne ohne Vorne und Hinten, keine eindeutige Trennung zwischen Aufführung und Wirklichkeit. Geräusche werden zu Stimmen eines größeren, kaum fassbaren Zusammenhangs. In diesem Augenblick berührt das Urbane eine alte, fast mythische Erfahrung: die der Verzauberung durch das Kollektive, durch das Spiel, durch den Klang.

Sieben hohe, elegante Gestalten erscheinen, zugleich vertraut und vollkommen fremd: „Les Girafes“. Es sind rote Giraffen – und doch keine Tiere, sondern lebensgroße Figuren, die sich zwischen Realität und Traum bewegen. Zuerst tauchen ihre Köpfe mit leuchtenden Halsbändern aus dem Nebel auf. Dann laufen sie um die Kirche, mitten durch die Zuschauerinnen und Zuschauer. Der sirenenhafte Gesang der Diva ist eine Form von Anrufung. Er zieht die Giraffen und ihr Publikum an, verspricht Erkenntnis und Glück – und fordert dafür die Hingabe des Selbst. In der Literatur wird dieses Motiv immer wieder variiert, oft ohne dass Sirenen selbst auftreten. Stattdessen sind es Stimmen, Klänge, Rhythmen des öffentlichen Raums, die eine ähnliche Wirkung entfalten. Das Theaterfest wird damit zum akustischen Raum der Verführung. Und das in der Stadt des Beamtentums, der Ministerien mit ihren Regeln und einer in Wiesbaden überall spürbaren spießbürgerlichen Strenge. Für kurze Zeit gilt eine andere Ordnung. Rollen lösen sich, Identitäten werden beweglich, Hierarchien verlieren ihre Schärfe.

Die Giraffen laufen langsam, bedächtig und elegant durch die Straßen. Sie nicken voller Sanftmut mit ihren Köpfen. Die Sängerin, die große Schauspielgruppe und mittlerweile deutlich über 1.000 Menschen schließen sich ihnen an, sie bilden eine Prozession, die am Dern’schen Gelände innehält. Der Zauber wird noch intensiver, es beginnt mit einem leisen Verschieben der Aufmerksamkeit. Menschen bleiben stehen, kommen aus einem Eis-Café und der umliegenden Gastronomie. Blicke richten sich in eine Richtung, als hätte sich dort etwas geöffnet, das zuvor nicht sichtbar war. Und dann setzt eine wilde Musik ein, ein treibender Rhythmus. Eine vaudevillesque Szene entwickelt sich. Die garçons de piste ziehen Feuerkugeln über den Boden, hüllen die Giraffen in Rauch. Im Hintergrund ein graues Bürogebäude, das Rathaus, mondäne Altbauten. Strenge Architektur.

Es entsteht ein Bild der Stadt als temporär verzaubertes Gefüge. Eine Stadt, die nicht mehr nur Arbeitsplatz ist und die nicht nur bewohnt, sondern erlebt wird; nicht mehr nur funktioniert, sondern singt und sich im Rhythmus bewegt. Es sind ausschließlich beseelte Gesichter zu sehen, lachende Menschen; Kinder blicken mit aufgerissenen Augen zu den Giraffen. Die Prozession bewegt sich weiter, durch die Gassen und mitten auf die Wilhelmsstraße, eine eigentlich pulsierende Verkehrsader der Innenstadt, die nun zum Stillstand kommt. Eine Giraffe lehnt ihren Kopf an einen Balkon und lässt sich von der begeisterten Hausbewohnerin berühren. Eine Tanzschule unterbricht im ersten Stock eines Altbaus die Tanzstunde. Ein Auto konnte nicht rechtzeitig wenden, die Fahrerin steigt aus, nimmt ihr Kind auf die Schultern, beide haben Freudentränen in den Augen. Die Giraffen blicken über sie hinweg, und doch scheinen ihre Blicke alle einzuschließen. Alle jubeln ihnen zu. Inmitten der Menge läuft der Wiesbadener Oberbürgermeister, Gert-Uwe Mende, mit. Er ist sichtbar ergriffen, hält sein Handy hoch, filmt, versucht wie unzählige andere Staunende, den Moment einzufangen. Seine Stadt rückt vor seinen Augen näher zusammen. Die Giraffen schaffen eine friedliche Atmosphäre der Geselligkeit, der Gewaltosigkeit. Ihre Körper ragen über die Menge hinaus, als gehörten sie einer anderen Ordnung an. Die Giraffen schreiten mit einer Ruhe, die sich der üblichen Taktung der Stadt entzieht. In dieser Verlangsamung liegt ein weiterer Zauber: Die Zeit selbst scheint sich zu dehnen, sich dem Rhythmus dieser Wesen anzupassen. Die Stadt hört für einen Moment auf, vorwärts zu drängen, und beginnt zu fließen.
Doch es ist nicht nur die visuelle Erscheinung, die diese Wirkung erzeugt. Es ist das Geflecht aus Bewegung, Klang und Erwartung, das als sirenenhaft bezeichnet werden kann. Ein leiser
Sog, der alle Umstehenden erfasst. Ob zufällig hineingeratene Autofahrerin, Tanzschüler oder Anwohner, jeder erliegt der Verlockung. Compagnie OFF ruft nicht, befiehlt nicht, sie öffnen schlicht einen Raum, in dem man eintreten kann. Sie zwingen niemand, sie verführen. Je länger die Prozession dauert, desto schwerer ist es, sich den Künstlern zu entziehen. Es entsteht eine eigentümliche Form von Intimität: Man fühlt sich gesehen. Vielleicht liegt gerade darin die besondere Kraft dieses Straßentheaters. Es greift nicht auf eine bestehende Illusion zurück, sondern erzeugt sie aus der Realität heraus. Es braucht keine Kulissen, weil die Stadt selbst zur Kulisse wird. Und es braucht keine klare Handlung, weil die Erfahrung im Vordergrund steht, gemeinsam einzutauchen in einen Zustand, der sich rational nur schwer fassen lässt.
Der Rundgang endet am Staatstheater Wiesbaden mit einem furiosen Finale – mit Feuer, Konfetti und einer Hebebühne. Frenetischer Applaus, ein begeistertes Publikum steht vor den plötzlich leblosen Giraffen. Alle wissen, der Zauber ist temporär, er kann nicht bleiben. Und sie verlassen den Platz trotzdem nicht. Zwei Minuten ist es ganz still. Dann öffnet sich ein Leib, einer der Artisten schält sich auf seinen Stelzen aus dem Körper der ersten Giraffe. Sofort brandet der Applaus wieder auf. Der verschwitzte Artist ist sichtlich überrascht, lacht und verbeugt sich. Auch andere erscheinen nun, aus jeder Giraffe steigen zwei Artisten. Die Zuschauerinnen und Zuschauer fotografieren sie, bejubeln sie wie Popstars. Am Ende bleibt weniger eine Erinnerung an einzelne Bilder als an eine intensive Stimmung. An das Gefühl, für kurze Zeit Teil eines größeren Zusammenhangs gewesen zu sein, der sich nicht vollständig erklären lässt. An die Erfahrung, dass eine Stadt mehr sein kann als ein funktionaler Raum – nämlich ein Ort der Imagination, der Poesie und der Verwandlung. Die Aufführung beweist, dass die Möglichkeit der Verzauberung auch in Zeiten der Kriege und Krisen nicht verloren gegangen ist. Sie wartet nur auf jene Momente, in denen sich der Alltag öffnet und wenigstens kurz eine andere poetische Wirklichkeit hindurchscheinen lässt. Der goldene Feenstaub der Pan-Figur ist auch am nächsten Tag noch zwischen Pflastersteinen zu finden. Hoffentlich hält er sich noch ein wenig.
Fotos: Thorsten Schulte
